Hodenhochstand ist einer der häufigsten Befunde bei der Neugeborenenuntersuchung des Jungen. Die Diagnose klingt zunächst beunruhigend – ist es in vielen Fällen aber gar nicht. Oft braucht es zunächst nichts weiter als Geduld. Und wenn doch gehandelt werden muss, ist der Weg klar und die Prognose gut.
Während der Schwangerschaft entsteht der Hoden im Bauchraum und wandert erst im Verlauf der Entwicklung durch die Leiste in den Hodensack. Dieser Prozess kann sich in manchen Fällen bis kurz nach der Geburt verzögern – das ist biologisch normal.
Aus diesem Grund wird bei einem unauffälligen Neugeborenen zunächst abgewartet: Bis zum sechsten Lebensmonat kann der Hoden noch von selbst in den Hodensack absteigen. Danach ist das erfahrungsgemäß nicht mehr zu erwarten – und dann stellt sich die entscheidende Frage: Wo liegt der Hoden, und muss gehandelt werden?
Der Hodensack ist kein Zufall der Evolution. Er liegt außerhalb des Körpers, weil der Hoden eine etwas niedrigere Temperatur braucht als das Körperinnere. Liegt er dauerhaft in der Leiste oder im Bauchraum, steigen zwei Risiken messbar an: das Risiko für einen Hodentumor im späteren Leben und die Wahrscheinlichkeit einer eingeschränkten Fruchtbarkeit.
Beide Risiken lassen sich durch eine rechtzeitige Verlagerung deutlich senken – weshalb die aktuelle Empfehlung lautet, zwischen dem 6. und 12. Lebensmonat zu behandeln, spätestens bis zum 18. Monat.
Eine häufige Quelle der Verunsicherung ist die Verwechslung zwischen echtem Hodenhochstand und Pendelhoden – zwei Befunde, die sich grundlegend unterscheiden.
Beim Pendelhoden zieht ein Muskelreflex den Hoden bei Berührung oder Kälte kurzfristig nach oben in die Leiste. In entspannter Situation lässt er sich aber mühelos in den Hodensack bringen und bleibt dort. Das ist ein normaler Schutzmechanismus des Körpers und kein behandlungsbedürftiger Befund – zumindest nicht sofort.
Beim echten Leisten- oder Gleithoden hingegen gelingt das nicht: Der Hoden lässt sich allenfalls mit Zug annähern und gleitet unmittelbar wieder zurück. Das gehört chirurgisch korrigiert.
Gerade bei einer raschen Untersuchung, einem unruhigen Kind und kalten Händen kann diese Unterscheidung schwierig sein. Eine Untersuchung durch einen erfahrenen Kinderchirurgen schafft hier Klarheit – und erspart im besten Fall eine unnötige Operation.
Beim Pendelhoden empfehlen wir jährliche Kontrollen bis zum 7. Lebensjahr, da sich in seltenen Fällen im Verlauf doch noch ein behandlungsbedürftiger Hodenhochstand entwickeln kann.
Lässt sich überhaupt kein Hoden tasten, spricht man vom Kryptorchismus – griechisch für „verborgener Hoden“. Das bedeutet aber nicht zwingend, dass kein Hoden vorhanden ist.
Drei Situationen sind möglich: Der Hoden befindet sich im Bauchraum und ist von außen schlicht nicht tastbar. Er hat sich bereits vor der Geburt aufgrund einer Durchblutungsstörung zurückgebildet – man spricht dann vom vanishing testis. Oder es finden sich nur noch kleine, funktionslose Gewebereste in der Leiste, die entfernt werden sollten.
Ein Bauchhoden muss in jedem Fall abgeklärt werden: Das Entartungsrisiko ist dort deutlich höher als im Hodensack, und ein Tumor im Bauchraum würde weit später bemerkt werden als einer, den man selbst tasten kann.
Beim Leistenhoden erfolgt die sogenannte Orchidopexie. Über einen kleinen Schnitt in der Leistenfalte wird der Hoden gemeinsam mit seinen Hüllen und Leitungsstrukturen dargestellt, sorgfältig mobilisiert und eine noch offene Verbindung zum Bauchraum verschlossen. Dann wird er durch den Leistenkanal in eine kleine Tasche im Hodensack verlagert und dort fixiert. Die Haut wird mit selbstauflösenden Nähten verschlossen – kein Fadenzug, kein Verbandwechsel.
Beim Kryptorchismus muss zunächst der Bauchraum inspiziert werden. Das geschieht minimalinvasiv über den Nabel. Je nach Befund – Bauchhoden, Geweberest oder vanishing testis – wird entweder direkt verlagert, entfernt, oder der Eingriff zweizeitig geplant: Sind die Hodengefäße zu kurz für eine direkte Verlagerung, werden sie im ersten Eingriff durchtrennt, damit Kollateralgefäße übernehmen können. Etwa sechs Monate später folgt die eigentliche Verlagerung in den Hodensack.
Beide Eingriffe werden heute ambulant oder tagesklinisch durchgeführt. In den ersten Tagen kann es zu leichten Schwellungen kommen, die Kinder erholen sich aber rasch. Eine Nachkontrolle nach sechs Monaten beurteilt, ob der Hoden gut mitgewachsen ist.
Eine rechtzeitige Behandlung senkt das Tumorrisiko deutlich – hebt es aber nicht vollständig auf. Deshalb gehört die regelmäßige Selbstuntersuchung der Hoden ab der Pubertät zur langfristigen Vorsorge, besonders nach einer Operation wegen Hodenhochstands.


"Die Kinderchirurgen" betreiben ehrenamtlich den Verein "Helping Hands for Anorectal Malformations International" um mit Hilfe von Spendengeldern die Korrektur von seltenen Fehlbildungen des Anus weltweit zu unterstützen.